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Berufliche Bildung in Europa - Deutschland verschläft Entwicklungen auf europäischer Ebene
Freie Bildung und Erziehung, Ausgabe November 2005

Berufliche Bildung in Europa - Deutschland verschläft Entwicklungen auf europäischer Ebene Im März 2002 haben sich die Bildungsminister der Europäischen Union und die EU-Kommission in Lissabon auf ein gemeinsames detailliertes Arbeitsprogramm bis zum Jahr 2010 verständigt (Lissabon-Prozess). Ziel der gemeinsamen Initiative ist es, durch Qualitätssteigerungen in den nationalen Bildungssystemen, durch den leichteren Zugang zu Bildung sowie durch eine Öffnung der europäischen Bildungssysteme gegenüber der Welt mit dazu beizutragen, dass sich "Europa bis zum Jahre 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum entwickeln" kann. Mit dieser sehr ehrgeizigen Strategie will die EU "im Rahmen des globalen Ziels der nachhaltigen Entwicklung ein Vorbild für den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Fortschritt in der Welt sein". Als Messlatte dienen die Konkurrenten Japan und besonders die USA.

Im Folgenden soll dieser Artikel einen Überblick über die Entwicklungen im Bereich der beruflichen Bildung auf europäischer Ebene geben.

1. Der bisherige europäische Bildungsprozess im Bereich der beruflichen Bildung

Auf EU-Ebene werden derzeit im Rahmen des Bologna-Prozesses (für die Hochschulen und Wissenschaft) sowie des Brügge-Kopenhagen-Prozesses (für die berufliche Bildung) als Teilgebiet des Lissabon-Prozesses unter den Schlagworten Transparenz, Durchlässigkeit, Anerkennung de facto weit reichende Grundsatzentscheidungen für die Bildungsordnung in Europa getroffen. Vorrangiges Ziel dabei ist es, die Mobilität von Arbeitnehmern in Europa zu erhöhen und die Bildung eines europäischen Arbeitsmarktes wesentlich voranzubringen. Gerade durch die Stärkung und Förderung der beruflichen Bildung soll zudem ein gewichtiger Beitrag zur Erreichung des Lissabon-Prozesses geleistet werden.

Obwohl diese Entscheidungen der EU nach dem EG-Vertrag nur Empfehlungscharakter haben, strahlen sie doch auf mittlere Sicht erheblich auf die nationalen Bildungssysteme aus und prägen die nationale Debatte. Es besteht daher für die hiesigen bildungspolitischen Akteure, die Sozialpartner eingeschlossen, ein großer Handlungsbedarf. Die Arbeitgeberseite möchte die Chancen nutzen, die dieser Prozess zur Schaffung eines europäischen Bildungsraumes bietet, und wird sich aktiv an den unterschiedlichen Prozessen beteiligen. Für Deutschland gilt es nun die berufliche Bildung in der EU richtig zu platzieren.

Von Experten der beruflichen Bildung wie der Hochschulbildung wurden zur Umsetzung der im Bologna- und Kopenhagen-Prozess fixierten Ziele verschiedene Instrumente entwickelt, die vor allem die Transparenz und Vergleichbarkeit der Bildungssysteme und -abschlüsse erhöhen und zu einer einfacheren Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen führen sollen. Im Mittelpunkt stehen dabei der Europäische Qualifikationsrahmen (European Qualification Framework, kurz: EQF) sowie die Entwicklung eines Leistungspunktesystems für die berufliche Bildung - ähnlich dem ECTS System im Hochschulbereich - (European Credit Transfer System for Vocational Education and Training, kurz: ECVET).

Am 14. Dezember 2004 wurden beim EU-Bildungsgipfel in Maastricht Beschlüsse für eine verstärkte Zusammenarbeit auf europäischer Ebene u.a. im Bereich der beruflichen Bildung getroffen (Maastricht-Kommunique). Dieses Mandat sieht die Entwicklung eines Europäischen Qualifikationsrahmen vor, der alle Ebenen der allgemeinen und beruflichen Bildung und der Hochschulbildung umfassen sowie einen starken Bezug zum Arbeitsmarkt haben soll.

Eine EU-KOM Expertenarbeitsgruppe erarbeitete von November 2004 bis Juni 2005 einen ersten Entwurf dieses Europäischen Qualifikationsrahmens mit Vertretern aus Ministerien, der beruflichen Bildung und Hochschulbildung, einschließlich der europäischen Sozialpartner.

Der Europäische Qualifikationsrahmen sollte multifunktional und bildungsbereichs-übergreifend angelegt sein, ein gemeinsames Bezugssystem haben, Kommunikations- und Übersetzungsinstrumente beinhalten sowie die Entwicklung von gemeinsamen Bildungsangeboten im gegenseitigen Vertrauen vorsehen. Mittlerweile sind hinsichtlich der Struktur des EQFs acht hierarchisch aufgebaute output-orientierte, kompetenzbasierte und fachunspezifische Niveaustufen geplant.

Die zur EU-KOM gehörenden Länder Irland, Dänemark, Großbritannien und Schottland haben bereits erste Modelle für einen solchen Qualifikationsrahmen entwickelt. Die ersten drei Länder haben im Rahmen der ersten Konferenz "Workshop on a European Qualification Framework" am 7. März 2005 in Bonn Ihre Modelle vorgestellt. Organisiert wurde diese Konferenz vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Kooperation mit der Nationalen Agentur bei dem Bundesinstitut für Berufsbildung (NA-BIBB). Gleichzeitig erarbeiteten auf nationaler Ebene der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) zusammen mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ein deutsches Modell eines solchen Rahmens, das Grundlage für die weitere Diskussion auf nationaler Ebene darstellen sollte und ebenfalls am 7. März 2005 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Am 27. Juni 2005 veranstaltete die NA beim BIBB im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) wiederum in Bonn einen Follow-Up-Workshop zum "Europäischen Qualifikationsrahmen" (European Qualification Framework, EQF). Ein wesentliches Ziel des Follow-Up-Workshops war es, Positionen zu zentralen Aspekten des "Europäischen Qualifikationsrahmens" auszutauschen, um damit den nationalen Meinungsbildungsprozess zu fördern.

Vertreter und Vertreterinnen wichtiger nationaler Akteure (BIBB, DAAD, DGB, BDA, HRK, DEKRA) vermittelten den über 100 Teilnehmern und Teilnehmerinnen aktuelle Diskussionsgrundlagen. Im Mittelpunkt der Arbeitsgruppen (Leitforen) standen zentrale Aspekte des "Europäischen Qualfikationsrahmens" wie "Mobilität und Transparenz", "Durchlässigkeit auf europäischer Ebene" und "Innere Struktur des EQF".

2. Konsequenzen für das deutsche Bildungssystem

Fakt ist, dass Deutschland einige Entwicklungen auf europäischer Ebene regelrecht verschlafen hat und nun im Zugzwang gegenüber anderen "wacheren" EU-Staaten ist. Insbesondere Irland, Dänemark, Schottland und Großbritannien haben sehr viel schneller reagiert und geben nunmehr mit ihren Vorschlägen und Modellen den Ton an.

Die Freien Berufe mit ihren lediglich 7 Ausbildungsberufen sind zwar auf den ersten Blick weniger betroffen als die rund 350 übrigen Ausbildungsberufe der gewerblichen und technischen Wirtschaft mit Durchstiegsmöglichkeiten zum Meister etc.. Da jedoch die Debatte um einen europäischen Bildungsraum auch die Berufsanerkennungsrichtlinien beinhaltet, muss die Diskussion im Gesamtkontext gesehen werden. Darüber hinaus ist auch an die Fortbildungsregelungen in den dualen Ausbildungsberufen zu denken sowie z.B. an die Gesundheitsfachberufe, die sich ebenfalls in der Gesamteinordnung wieder finden, ebenso wie den Hochschulbereich.

Vor dem Hintergrund des vorgenannten europäischen Prozesses stehen aus deutscher Sicht mittelfristig folgende Ziele im Vordergrund:

  • die Verbesserung der "Lesbarkeit" der verschiedenen Bildungssysteme (das duale System gibt es in dieser Form z. B. nur in Deutschland und lässt sich insoweit schwierig "bewerten" und einordnen)
  • die Förderung von grenzüberschreitender Mobilität
  • die Erhöhung der Durchlässigkeit innerhalb der verschiedenen Bildungssysteme
  • die Verbesserung des Image und der Attraktivität der Berufsbildung in Deutschland
  • die Qualitätssteigerung und -sicherung in den Berufsbildungssystemen sowie Förderung von Innovationen

Die deutsche Wirtschaft mit Ihren Verbänden, Kammern, Unternehmen und Gewerkschaften, forderte zudem die Schaffung eines Systems mit Mehrwerten für die Betriebe und Mitarbeiter.

3. Aktuelle Entwicklungen der beruflichen Bildung

Mit der Entwicklung des Entwurfes des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQF) der EU-KOM Expertenarbeitsgruppe wurde im Mai 2005 der nationale Abstimmungsprozess innerhalb zunächst abgeschlossen. Von Juni bis Dezember 2005 wird es einen breiten Konsultationsprozess dieses KOM-Entwurfes mit allen beteiligten Akteuren in den Mitgliedsstaaten geben. Die Fertigstellung einer KOM-Mitteilung als Entwurf für eine Ratsempfehlung zum EQF ist im Frühjahr 2006 sowie die Verabschiedung im Frühjahr 2007 geplant.

Bereits seit dem 01. Januar 2000 konnten Ausbildungsabschnitte im europäischen Ausland europaweit einheitlich dokumentiert werden. Das Dokument, das bis Ende 2004 "Europass-Berufsbildung" hieß, dokumentierte ausschließlich praktische Ausbildungsabschnitte. Durch diesen Europass wird deutlich, dass es sich bei einem im Ausland absolvierten Ausbildungsteil um einen Bestandteil der Ausbildung im Herkunftsland handelt.

Um in Zukunft auch andere Formen von Lernabschnitten in Europa dokumentieren zu können, wird es ab Herbst 2005 den neuen "Europass" geben. Der Europass bietet die Möglichkeit, Qualifikationen und Kompetenzen in den EU-Mitgliedsstaaten, den EWR-/EFTA-Ländern und den Beitrittsländern klar und leicht verständlich zu präsentieren. Der Europass umfasst fünf Dokumente (Europass Lebenslauf, Europass Sprachenpass, Europass Mobilitätsnachweis, Europass Diplomzusatz, Europass Zeugniserläuterung), die auf europäischer Ebene ausgearbeitet wurden, um die Transparenz von Qualifikationen zu erhöhen. Der Europass soll die Mobilität von Lernenden und Arbeitnehmern in ganz Europa erhöhen. Informationen über den Europass finden Interessierte unter europass.cedefop.eu.int.

Roman Friemel
Geschäftsführung
VDP Privatschulverband NRW

 

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